Pferd in Nahaufnahme bei einem pferdegestützten Führungskräftetraining mit Leonie Stankewitz
New Leadership

Führung auf Augenhöhe. Was wir dafür von Pferden lernen können.

In einer Welt permanenter Veränderungen und steigender Unsicherheit folgen Menschen uns nicht mehr, weil sie es müssen, sondern weil sie sich bei uns sicher fühlen. Und dafür braucht es keine coolen Teamevents oder fancy Sprintboards, um sich am Ende den Titel „Servant Leader“ verleihen zu können. Es braucht eine andere Haltung, mit der wir uns begegnen, damit Vertrauen entstehen kann. Wer heute erfolgreich führen will, muss Beziehungen auf Augenhöhe zulassen und gestalten können – und zwar nicht etwa durch die Abschaffung von Hierarchie, sondern durch gegenseitige Anerkennung und radikale Eigenverantwortung.

Und während wir in der Businesswelt erst vor einigen Jahren damit begonnen haben, „Command and Control” oder auch „Ich will und du musst” durch diese Idee von Führung zu ersetzen, gibt es Lebewesen, die dieses Erfolgskonzept bereits seit 55 Millionen Jahren leben. Pferde. Denn Herdenchef oder -chefin wird nicht, wer am stärksten oder dominantesten ist, sondern wer sich das Vertrauen der Herde durch Anerkennung von Grenzen, konsequentes Ausfüllen der Rolle und widerspruchsfreies Verhalten erarbeitet hat. Pferde sind daher die besten Lehrmeister, wenn wir lernen – und vor allem auch fühlen – möchten, was moderne Führung auf Augenhöhe wirklich bedeutet. Im Umgang mit ihnen halten sie uns nämlich einen ehrlichen Spiegel vor und zeigen uns, ob wir als Führungskraft in der Lage sind, echte Gleichberechtigung zuzulassen und Macht, Manipulation und Kontrolle aufzugeben.

Die Meister des Respekts: Pferde sind Fluchttiere und überleben nur, wenn sie eine hohe Individualdistanz zueinander wahren

Pferde sind Beutetiere, die ihr Überleben sichern, indem sie vor Gefahren weglaufen. Diese Strategie macht sie zu Fluchttieren. Um Feinde auch neben oder hinter sich schnell erkennen zu können, halten sie innerhalb der Herde deshalb einen großen Abstand zueinander und verteidigen ihren Sichtraum, wenn dieser eingeschränkt wird. In der ersten Stufe zeigen Pferde dies durch ein verstärktes Blinzeln der Augen. Dies kann sich steigern über das Anlegen der Ohren bis hin zu Beißen und Austreten. Die einzige Ausnahme, in der Pferde Nähe in einer sicheren Situation zulassen, ist gewünschtes Sozialverhalten wie z. B. Fellpflege oder gemeinsames Spielen. In diesem Fall übernehmen die anderen Pferde der Herde das Beobachten des Umfelds.

Da es für Pferde überlebenswichtig ist, diese Individualdistanz zu wahren, werden sie diesen Raum auch im Umgang mit Menschen einfordern. Aufgrund des erheblichen Größenunterschieds erwarten wir jedoch häufig nur vom Pferd, dass es zu unserem eigenen Schutz unseren Raum wahrt und uns als Chef respektiert. Dabei missachten wir jedoch oft die Grenzen der Pferde und verlassen die Ebene der Gleichberechtigung und gegenseitigen Anerkennung. Und das hat Konsequenzen: Mit diesem Verhalten wird ein Pferd daran zweifeln, dass wir als Herdenchef:in geeignet sind, für das Überleben der Herde zu sorgen. Den Respekt eines Pferdes werden wir uns erst dann erarbeiten, wenn wir mit viel Empathie kleinste Signale erkennen und darauf reagieren – oder vielleicht sogar bereit sind, unsere Pläne zu ändern oder aufzugeben.

Im Umgang mit Pferden wird das Pferd dir Antworten auf folgende Fragen geben:

  • Kann ich anerkennen, dass sich das Pferd wie ein Pferd verhält?
  • Habe ich den Raum des Pferdes respektiert oder nur auf meinen eigenen Raum geachtet?
  • Kenne ich meine eigenen Grenzen und habe ich diese eingefordert?
  • Wertschätze ich, dass mich das Pferd meine Grenzen anerkennt?

Die Meister der Eigenverantwortung: Pferde sind Herdentiere und überleben nur, wenn alle ihre Rollen ernst nehmen

In einer Pferdeherde gibt es keine Hierarchie, sondern nur gleichberechtigte Rollen, die das Überleben der Gemeinschaft sichern. Eine dieser Rollen ist die des Herdenchefs bzw. der Herdenchefin. Er oder sie – meist eine Leitstute – sorgt für gute Futter- und Schlafplätze, verteilt Ressourcen, warnt vor Gefahren und entscheidet über Flucht. Hier zeigt sich sofort: Führung bedeutet nicht, anderen durch Macht oder Dominanz überlegen zu sein und ihnen Anweisungen zu geben. Vielmehr bedeutet es, Verantwortung für Planung und Sicherheit zu übernehmen und somit als verlässlich anerkannt zu werden. Mit widersprüchlichem oder sinnlosem Verhalten, wie unnötiges Auffordern zur Flucht oder häufige Wechsel der Futterplätze, würde sie diese Rolle verlieren, da die Existenz der gesamten Herde auf dem Spiel stünde.

Wenn wir mit Pferden interagieren, übernehmen wir die Aufgaben eines Herdenchefs. Wir sorgen jedoch nicht nur dafür, dass es ausreichend Futter hat und in Sicherheit leben kann, sondern wir sind insbesondere dafür verantwortlich, dass sich ein Pferd sicher in unserer „Menschwelt“ bewegen kann. Dafür benötigen wir einen Plan und das Vertrauen des Pferdes, dass dieser nicht existenzbedrohend für es ist. Da wir Pferden unseren Plan nicht über Sprache vermitteln können, bewerten sie diesen über unser Verhalten und darüber, was wir im Inneren fühlen. Denn Pferde haben ein Sinnesorgan mehr als wir: Sie kommunizieren auch über sogenannte Spiegelneuronen und nehmen darüber wahr, ob unser Verhalten und unsere Sprache zu dem passen, was in uns vorgeht. Ein Pferd entscheidet deshalb, ob es sich uns anschließen möchte, danach, ob wir einen konsequenten Plan haben, diesen verteidigen und ob all unser Verhalten auf das gemeinsame Überleben ausgerichtet ist.

Im Umgang mit einem Pferd wirst du Antworten auf folgende Fragen bekommen:

  • Hatte ich einen Plan und habe ich diesen durchgebracht?
  • Habe ich dem Pferd vermitteln können, dass es unser gemeinsamer Plan ist?
  • Waren meine Fragen auf die Erreichung des gemeinsamen Plans oder das durchbringen meiner eigenen Vorstellungen ausgelegt?
  • Habe ich darauf vertraut, dass das Pferd einen guten Weg findet, dem Plan zu folgen?
  • War mein Verhalten bei der Vermittlung des Plans zu jeder Zeit widerspruchsfrei?
  • Wäre ich bereit, mein Leben an die Füße des Pferdes abzugeben?

Die Meister des Sinns: Pferde sind Energiesparer und überleben nur, wenn sie unnötiges Verhalten vermeiden

Um im Falle einer Flucht sofort handlungsfähig zu sein und damit ihr Überleben zu sichern, sparen Pferde durch verschiedene Verhaltensweisen Energie ein. So können Pferde beispielsweise im Stehen schlafen, ohne Muskelkraft aufwenden zu müssen, oder sie nutzen im Gehen das Kopfnicken, um durch das Schwungholen Energie einzusparen. Schließlich vermeiden Pferde jegliches energieverschwendendes Verhalten, wie das Zurücklegen unnötiger Wege oder unnötige Kämpfe zur Machtdemonstration. Die Eigenschaft als Energiesparer führt außerdem dazu, dass sie bei einer geforderten Veränderung ihres Verhaltens schnell neue Ideen und Wege entwickeln, anstatt in eine Diskussion des Widerstands zu gehen. Und genau diese Verhaltensweisen stehen im Gegensatz zur Überlebensstrategie von Menschen.

Denn im Urinstinkt sichern Menschen als Raubjäger ihr Überleben, indem sie ihr Revier verteidigen und Stärke und Überlegenheit demonstrieren. Andere schließen sich ihnen an, weil sie glauben, dass sie so stets die beste Beute sichern. Doch im Umgang mit einem Pferd stellen wir schnell fest, dass diese Strategie nicht mehr aufgeht. Machtdemonstrationen und der Versuch, das Pferd durch vermeintliche Überlegenheit zu zwingen, sich uns anzuschließen, führen zu genau dem Gegenteil. Druck erzeugt Gegendruck, und das Pferd wird stehen bleiben. Zwang erzeugt Flucht, und das Pferd wird weglaufen. Wir können kein 600 kg schweres Pferd dazu zwingen, sich uns anzuschließen. Stattdessen müssen wir uns wie ein Pferd verhalten, d. h. Macht, Manipulation und Kontrolle aufgeben und durch Gleichberechtigung sowie auf das gemeinsame Überleben ausgerichtetes Verhalten ersetzen. Dies gelingt, indem wir aufhören, sinnlose Änderungen im Verhalten zu fordern, und vor allem akzeptieren, dass das Pferd seinen eigenen Weg findet, um eine Aufgabe gemeinsam mit uns zu lösen.

Im Umgang mit Pferden bekommst du Antworten auf folgende Fragen:

  • War mein Verhalten oder das Anstoßen einer Veränderung auf das Erreichen des gemeinsamen Plans oder auf das Testen von Macht ausgerichtet?
  • Habe ich das Verhalten des Pferdes korrigiert, um für Sicherheit zu sorgen oder um ihm meine starke Position zu zeigen?
  • War ich bereit meinen Plan anzupassen, um einen gemeinsamen Weg zu finden?
  • Konnte ich akzeptieren, dass das Pferd sich wie ein Fluchttier verhält?

FAZIT: Pferde zeigen uns ehrlich, wie gut wir moderne Führung wirklich leben und ob wir Führung auf Augenhöhe zulassen können

In einer Welt voller Unsicherheiten brauchen wir im Umgang miteinander vor allem eins: gegenseitiges Vertrauen. Und das kann nur entstehen, wenn beide Seiten Verantwortung für ihr Tun übernehmen und die Interessen beider Seiten als gleichwertig anerkannt werden. Der Umgang mit dem Fluchttier Pferd entlarvt schnell, ob wir bereit sind, Macht und Manipulation gegen echte Augenhöhe einzutauschen und radikale Verantwortung für die Existenz anderer zu übernehmen. Denn ein Pferd folgt anderen nicht aufgrund Ihres Titels oder Ihrer Überlegenheit. Es folgt anderen, weil ihre Intention klar, Ihr Verhalten widerspruchsfrei und Ihre Empathie für die Grenzen des Gegenübers spürbar ist.

Bist du bereit, die Maske des „Raubtiers“ abzulegen und die Kraft der authentischen Verbindung auf Augenhöhe zu entdecken? Dann lade ich dich herzlich ein in meinen Horse Leadership Trainings in nur einem Tag in die Kunst moderner Führung einzutauchen und die Faszination der Pferde zu erleben. Hier lernst du, was dir kein Buch und keine Powerpoint-Folie vermitteln kann: wie es sich anfühlt, wenn ein Partner dir folgt, weil er sich bei dir sicher fühlt – und nicht, weil er muss. Und wie aus „Ich“ und „Du“ ein echtes „Wir“ durch innere Klarheit und gegenseitigem Respekt werden kann.

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